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Jul. 30, 2010
Themenbereich / Archiv

Umwelt

Biblis: Eine Stadt mit Atomkraftwerk oder ein Atomkraftwerk mit Stadt?
Was ist Biblis? Eine Stadt mit Atomkraftwerk? Ein Atomkraftwerk mit Stadt? Streng genommen keines von beiden, hat die Gemeinde Biblis doch bis heute keine Stadtrechte. Vielleicht gibt es einen anderen Ausdruck, der alles in sich vereint- und gleichzeitig so treffend nichts sagend ist: Biblis ist ein Ort. Nähert man sich Biblis, der Stadt, so entdeckt man meist schon in den Nachbargemeinden Imageplakate des Energieunternehmens RWE. Auf den Plakaten der aktuellen Kampagne ist groß zu lesen „70 Mio. Euro Auftragsvolumen für die Region- Das macht Biblis“. Biblis, das Atomkraftwerk. Kaum eine Straße in die nicht einmal 9.000 Seelen große Ortschaft, an der nicht zwei verschiedene Schilder mit der Aufschrift „Biblis“ stehen: Das gelbe Schild, das die Gemeinde ausschildert, und das weiße Schild mit RWE-Logo, welches den Weg zum Kraftwerk weist. In der Internet-Suchmaschine Google stehen Gemeinde und Kraftwerk ebenfalls direkt untereinander. Jedoch ohne dass dabei einer von beiden die Domain biblis.de hättedie gehört zu öffentlichen Bibliotheken. Der Weg des weißen Schildes Es gibt eine Straße, die trennt Biblis und Biblis. Sie führt nach Worms, ist keine vielbefahrene Route, aber doch eine der größten Straßen der Gegend. Blickt man als Autofahrer zur Seite, sieht man auf der einen Seite die Gemeinde, auf der anderen das Kraftwerk. Alle, die ein fremdes Kennzeichen haben, blicken zum Kraftwerk. Einige Autos und Busse setzten auch den Blinker und biegen ab, am Verkehrsschild in Richtung Biblis. Dem weißen Schild. Ihr Ziel ist das Besucherzentrum des AKWs. Hier erfahren Besucher, meist Schulklassen, was Atomenergie ist und wie sie funktioniert. Beschrieben wird die Kernenergie im Besucherzentrum natürlich allein aus der Sicht von RWE. Der Atommüll soll nach bedenkenloser Zwischenlagerung im Kraftwerk „sicher und auf Dauer“ in ein Endlager, so kann der Besucher lesen. Ein Endlager, das die Bundesregierung verpflichtet sei einzurichten. „Durchweg positiv“ seien hierbei die bisherigen Befunde in Gorleben. Die einsturzgefährdeten Atommülllager Morsleben und Asse werden verschwiegen. Biblis, das älteste im Betrieb befindliche deutsche AKW, gibt es als Miniatur zu betrachten. 1974 bzw. 1976 in Betreib genommen- und angeblich noch immer auf dem höchsten Stand der Technik. Kein Wunder, stammen die gültigen Sicherheitsstandards doch aus den 70er- und 80er-Jahren. Die Neufassung mit schärferen Regeln wurde erst vor kurzen von den Ländern blockiert, sie gilt nun zunächst nur unverbindlich. Auch ohne neue Sicherheitsstandards sind von 1974 bis heute fast 800 meldepflichtige Störfälle in Biblis vom hessischen Umweltministerium verzeichnet worden. Auch sie bleiben im Besucherzentrum unerwähnt. Dafür beschrieben wird ein Auftragsvolumen von rund 100 Millionen Euro für die Region jährlich- sogar 30 Millionen mehr als es die Plakate versprechen. Arbeitsplätze und Feuerwerk- Brot und Spiele Vielleicht ist in diesen Beträgen auch das Geld eingerechnet, das der Kraftwerksbetreiber Gerüchten zufolge beim Rheinischem Fischerfest im benachbarten Gernsheim ausgibt. Einen Betrag im Millionen-Bereich soll RWE jährlich für das Feuerwerk bezahlen. Ein offenes Geheimnis, fragt man Bewohner der Gegend. Groß Stimmung gegen Biblis, das Atomkraftwerk, gibt es in Biblis, der Stadt, nicht. Die Grünen haben anlässlich des Europawahlkampfes „Atomkraft? Nein danke!“- Plakate aufgestellt. „Sicher ist nur das Risiko“ heißt es drauf. Großen Zuspruch erhalten sie damit in Biblis nicht: Bei den letzten Wahlen erreichten sie meist nur knapp über 5 Prozent der Stimmen- Kernkraftbefürworter CDU rangierte hingegen um die 50 Prozent. So war es bei der Europawahl erneut. Einzig die Wahl zum Bürgermeister ging für die CDU verloren, gegen die von der SPD unterstützte Hildegard Cornelius-Gaus. Auch sie: Atomkraft-Befürworterin, setzte sich erst jüngst für die Verlängerung der Laufzeiten ein, um die mit der Atomkraft verbundenen Arbeitsplätze in ihrer Region zu sichern. Allein 650 sind es laut RWE-Angaben im Kraftwerk selber, hinzu kommen einige bei Zulieferern. Ohne Biblis, das Atomkraftwerk, gingen in Biblis, der Stadt, die Lichter aus- jedoch nicht aus Mangel an Elektrizität. So zumindest die Befürchtung der Kommunalpolitiker. Kontraste Natürlich hat Biblis, die Stadt, auch einen Bahnhof. Wer hier mit einem der wenigen Züge ankommt, die anhalten, hat freie Sicht auf das AKW. Blickt er zur anderen Seite, sieht er ein heruntergekommenes Bahnhofsgebäude. Die Uhren sind allesamt kaputt. „Das ist schon lange so!“, meint eine Schülerin, die einsam auf ihren Zug wartet. Viele Menschen verirren sich nicht nach Biblis, in die Stadt. Viele Züge fahren ohne zu halten durch den Bahnhof, viele von ihnen sind ICEs, die wie moderne Fremdkörper in der brüchigen Kulisse wirken. Die Wände der Bahnhofsunterführung sind mit Edding-Malereien beschmiert. Sprüche, Dialoge, Beschimpfungen. Doch kein Bezug auf Biblis, das Kraftwerk. Was hier zum Ausdruck kommt ist vielmehr der Kampf politisch Rechter gegen politisch Linker- auf denkbar niedrigstem Niveau. Irgendwer schrieb „NPD ist toll“. Ein anderer strich das „toll“ durch und ersetzte es durch „scheiße“, bis wieder jemand kam und erneut das Adjektiv änderte, in „geil“. Eine freundliche Ansage tönt durch die Lautsprecherboxen, jedes Mal wenn ein Zug den Bahnhof passiert: „Meine Damen und Herren, Vorsicht an Gleis 2!“ Doch die Stimme der Ansagerin kommt vom Band, wiederholt sich im Minutentakt, einzig das Gleis variiert- gelegentlich. Am Bahnhof wirkt Biblis, die Stadt, zeitweise wie ein verlassenes Sperrgebiet. Wenn eine Solarzelle zum Protest wird Unweit des Bahnhofs gibt es ein Neubaugebiet. Einige Häuser befinden sich noch im Bau, die meisten sind jedoch bereits bezogen. Hier reiht sich weißes Haus mit rotem Dach an weißes Haus mit rotem Dach. Doch Eintönigkeit kommt nicht auf. Es ist eine schöne Wohnsiedlung mit vielen Gärten und einem eigenen Spielplatz. Im Umfeld gibt es Wiesen und Felder- und ein weiteres weißes Gebäude: Biblis, das Atomkraftwerk, das von hier aus zum greifen nahe scheint. Nur zirka zweieinhalb Kilometer Luftlinie sind es bis zu den Reaktorkernen. Vom Neubaugebiet aus hat man freie Sicht auf das Kraftwerk und so wirken die vereinzelten Solarzellen auf den Dächern der Häuser geradezu rebellisch. Als „modern und hell mit grünem Umfeld“ und „zentrale ruhige Wohnlage“ werden die Immobilien im Internet beschrieben. Vom AKW ist keine Rede. Jeder kennt Biblis, das Atomkraftwerk. Dass die Häuser und Wohnungen merklich günstiger sind als in benachbarten Gemeinden ist ein Anzeichen dafür. Man fühlt sich sicher und wohl in Biblis, der Stadt. Die Luft ist gut und es gibt viel Grün. Es entsteht tatsächlich der Eindruck von sauberer Energie. Doch Atomkraft war schon immer weitestgehend unsichtbar. Und Biblis ist nicht Asse, wo undichte Fässer mit Atommüll lagern. Atommüll auch aus deutschen Kraftwerken, ob auch aus Biblis, ist nicht allgemein bekannt. Doch nicht nur Biblis, der Ort, lebt ohne Biblis, das AKW, groß zu beachten. Überträgt man den Radius der Speerzone von Tschernobyl auf das AKW Biblis, so liegen einige große Städte darin oder bedenklich nah daran: Frankfurt, Mannheim, Wiesbaden, Mainz, Heidelberg, Darmstadt und Worms. Insgesamt allein in diesen Städten über 1,8 Millionen Menschen. Ein kindlicher Hauch von Ferne Von 1,8 Millionen Menschen sieht man in Biblis, der Stadt, zur Mittagszeit nichts. Fast menschenleer die Straßen, die Geschäfte machen ausgedehnte Mittagspausen. Die großen Türen an der Vorderseite der Kirche sind verschlossen. Hinter dem Gotteshaus gibt es eine Grundschule. Eine Handvoll Kinder spielt auf einem Gerüst. Man merkt ihnen die Lebensfreude an, sie sind fröhlich, unverkrampft, unbekümmert. Sie lachen. Eines von ihnen scheint vor kurzem ein neues Wort gelernt zu haben: kali'mera! Es schreit es immer wieder „kali'mera! kali'mera! kali'mera!“ Kali'mera ist griechisch und bedeutet „Guten Tag!“. Es ist das einzige Wort, das in diesem Moment wahrzunehmen ist. Und doch hat man zu keinem Moment das Gefühl, in Griechenland zu sein. Das hier ist nicht Griechenland, das ist Biblis. Der Ort Biblis. In Griechenland gibt es übrigens keine Atomkraftwerke.
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Geschrieben von Andreas Grieß

Ausgabe 07/2010



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